Soll ich mein Kind gegen Windpocken impfen? Teil 1
Ehgartners.Info
2. Dezember 2010
15 Min. Lesezeit
Im Jahr 2004 empfahl die deutsche Impfkommission STIKO völlig überraschend und als erstes Land Europas die allgemeine Windpocken (Varizellen) Impfung der Kinder – nach dem Vorbild der USA – im Alter ab elf Monaten.
Österreich ist diesem Beispiel kürzlich gefolgt. Im Impfplan für 2010 ist erstmals auch die frühe Windpocken-Impfung aller Kinder eingetragen – und zwar bereits ab einem Alter von neun Monaten, jedenfalls aber "vor dem Eintritt in Gemeinschafts-Einrichtungen".
In der Schweiz gilt hingegen nach wie vor die alte Empfehlung, nur jene Jugendlichen und Erwachsenen zu impfen, welche die Windpocken nicht auf natürlichem Wege durchgemacht haben.
Der Druck, den Deutsch-Amerikanischen Weg bei der Bekämpfung der Windpocken einzuschlagen wird in der gesamten EU immer stärker. Mittlerweile sind bereits zwei Einzel- und ein Kombinations-Impfstoff gegen Windpocken am Markt. Die Mahnungen der Experten, die Kinder möglichst früh gegen diese überwiegend harmlos verlaufende Infektionskrankheit zu impfen, werden immer dringlicher. Als Grund wird angeführt, dass es in seltenen Fällen doch zu Komplikationen kommen kann, mit der Impfung Pflegetage bei berufstätigen Eltern reduziert werden und grundsätzlich jede vermiedene Krankheit der Gesundheit der Kinder nützt. Viele Eltern, aber auch zahlreiche Ärzte, fühlen sich nicht ausreichend informiert und wissen nicht, welchen Empfehlungen sie nun folgen sollen: Was spricht für – und was gegen die Windpocken Impfung?
Ich habe mich intensiv mit dieser Thematik befasst und möchte hier meine Argumente zur Diskussion stellen.
Argument 1: Die Windpocken sind ein Trainingscamp für das reifende Immunsystem
Unser Immunsystem besteht aus zwei großen Teilen: dem angeborenen und dem erworbenen. Während das angeborene fix und fertig zur Verfügung steht und vor allem während der ersten Lebensmonate unentbehrlich ist, wächst die Bedeutung des erworbenen mit den im Lauf der Zeit erlernten Kompetenzen. Neben unserem Bewusstsein ist das Immunsystem unser zweites lernendes Ich. So individuell sich die Erfahrungen eines Menschen als spezielle Nerven-Netzwerke im Gehirn manifestieren, so tun sie das auch auf der Ebene unserer Immunabwehr.
Bereits während der Geburt beginnt das Immunsystem mit seiner Arbeit und hört damit - wenn wir Glück haben - ein ganzes Leben nicht mehr auf. Die wichtigsten Lerneffekte treten aber naturgemäß in den ersten Lebensjahren eines Kindes auf, wenn die Eindrücke frisch sind und das Immunsystem alle häufigen Viren und Bakterien der Umgebung kennen lernt.
Im Verlauf von Infekten erwirbt das Immunsystem schrittweise seine Kompetenzen. Dazu gehört die Interaktion von Immun- und Nervensystem, etwa bei der Regelung von Fieber, das Einleiten und Abstellen von Entzündungsprozessen, die molekulare Unterscheidung zwischen fremden und körpereigenen Proteinen, die Beurteilung eines fremden Eiweißes als gefährlich oder ungefährlich und viele andere derartige Fähigkeiten, deren komplexe Abläufe die Wissenschaft derzeit gerade mal im Ansatz zu begreifen beginnt.
Wenn sich das Immunsystem ungestört entwickeln kann, gewinnen wir einen kompetenten Lebensbegleiter, der bis ins hohe Alter vor Infektionskrankheiten schützt. Eine zweite, wahrscheinlich noch wichtigere Funktion erfüllt das Immunsystem, wenn es während unseres Schlafes zu Höchstform aufläuft. Dabei unterzieht es den Organismus einem regelmäßigen Service, bei dem kranke und krebsartig-wuchernde Zellen rechtzeitig entdeckt und gestoppt werden.
Das Immunsystem ist jedoch nicht nur ein Schutzengel des Menschen, es kann sich auch gegen den eigenen Organismus wenden und zum unberechenbaren Apparat werden, der das Leben zur Hölle macht: Wenn es etwa harmlose Blütenpollen für gefährliche Eindringlinge hält und über Entzündungen schwere Asthma-Schübe auslöst oder wenn es körpereigene Proteine nicht erkennt, die eigenen Darm- oder Nervenzellen attackiert und schwere irreparable Schäden anrichtet. Wo die Lernprozesse und der Reifungsprozess des Immunsystems nicht gelingen, drohen chronische Allergien und Autoimmun-Krankheiten.
Windpocken ist nun eine der typischen viralen Krankheiten, die bei praktisch allen Kindern ausbrechen und dem Immunsystem ein Trainingscamp bieten. Manche Mediziner argumentieren, dass jede vermiedene Krankheit prinzipiell schon einen Gewinn für die Menschen darstellt. Andere betonen, dass es die meist harmlos ablaufenden Kinderkrankheiten braucht, um die Reifung des Immunsystems zu sichern – und das erscheint mir wesentlich wahrscheinlicher.
Extreme Belege liefert hierfür der Tierversuch: Wenn Versuchstiere in keimfreier Umgebung aufwachsen, so gedeihen sie zwar prächtig - wenn sie dann allerdings einem noch so harmlosen Virus ausgesetzt werden, so sterben diese Versuchstieren auf der Stelle. Dies spricht gegen die These, dass jede vermiedene Krankheit ein Gewinn ist.
Die Windpocken-Impfung enthält abgeschwächte aber lebende Windpocken-Viren, die – im Gegensatz zu den Wildviren – nicht über die Schleimhäute "aus der Luft" aufgenommen, sondern vom Impfarzt unter die Haut injiziert werden. Die Verträglichkeit der Impfung wird als gut beschrieben, Fieber ist selten, die Reaktion des Immunsystems verläuft weitgehend unbemerkt. Wie sich der Lerneffekt der echten Viren von jenem der abgeschwächten Impfviren unterscheidet und welche Rolle Windpocken im Detail für die Reifung des Immunsystems spielen, ist unbekannt. Ungeklärt ist weiters, ob sich diese Lernprozesse von jenen unterscheiden, die das Immunsystem beispielsweise im Kontakt mit Erkältungsviren macht. Niemand weiß, wie viele banale Infekte für die Entwicklung eines reifen Immunsystems notwendig sind. Derzeit gleicht unser Wissen über die hoch komplexen Abläufe, nach denen das Immunsystem funktioniert, gerade mal der Spitze eines eben aufgetauchten Eisberges.
Dessen ungeachtet versucht die moderne Medizin - durchaus in guter Absicht - das Immunsystem über alle möglichen Hebel zu manipulieren und in eine gewünschte Richtung zu beeinflussen.
Etwa mit fiebersenkenden Arzneimitteln, welche die Absicht des Immunsystems - nämlich Fieber zu erzeugen und damit die eigenen Arbeitsbedingungen zu optimieren - sabotieren.
Oder mit Entzündung hemmenden Wirkstoffen wie Cortisol, das als Stresshormon Teil des wichtigsten Gegenspielers des Immunsystems ist.
Unmittelbare Auswirkungen haben auch Antibiotika, die im Darm, dem größten Teilorgan des Immunsystems, unter den hilfreichen Bakterien einen verheerenden Kahlschlag anrichten.
Weiters zählen dazu die vielen modernen Medikamente gegen Rheuma, Multiple Sklerose, Morbus Crohn und andere Autoimmunkrankheiten, die heute die "Blockbuster" unter den umsatzstärksten Arzneimitteln darstellen und die Krankenkassen in den finanziellen Abgrund treiben.
Und dazu gehören schließlich auch die Impfungen, wo dem Immunsystem - wieder in bester Absicht - die Erfahrungen durchgemachter Krankheiten vermittelt werden sollen - ohne diese Krankheiten tatsächlich selbst durch zu machen.
(Wer sich näher für die Entwicklung eines gesunden Immunsystems interessiert, sei auf mein Buch "Lob der Krankheit - Warum es gesund ist, ab und zu krank zu sein" verwiesen. Es wurde 2010 als Taschenbuch im Verlag Lübbe neu aufgelegt.)
Parallel zu diesen in den letzten Jahrzehnten immer häufiger gewordenen Eingriffen ins Immunsystem ist auch die Zahl der dauerhaften Störungen des Immunsystems sprunghaft angestiegen: Mehr als hundert Autoimmunkrankheiten sind mittlerweile bekannt, viele haben heute bereits den Rang von Volkskrankheiten. Dazu kommen die verschiedenen Allergien, von denen in den Industrieländern fast ein Drittel der Bevölkerung betroffen ist.
Doch so leicht es der Medizin fällt, ein gesundes Immunsystem in seinen Funktionen von außen zu beeinflussen, so hoffnungslos ist ihr Wissensstand, wenn es gilt ein gestörtes und aus der Bahn geworfenes Immunsystem wieder zu normalisieren.
Dass es einen Zusammenhang zwischen der Manipulation des Immunsystems und dessen Störungen geben könnte, wird entweder heftig bestritten oder stillschweigend ignoriert.
Fazit: Die Windpocken-Impfung bietet für die Reifung des Immunsystems im Vergleich zur natürlich ablaufenden Krankheit einen wahrscheinlich deutlich geringeren Lerneffekt. Zudem handelt es sich bei der Windpocken-Impfung um eine zusätzliche Manipulation des Immunsystems. Die Auswirkung dieser beiden Effekte sind unbekannt und nicht ausreichend erforscht.
Argument 2: Geimpfte Mütter geben ihren Babys weniger Nestschutz mit
Als Starthilfe für das bei Geburt noch unreife Immunsystem geben die Mütter ihren Babys einen Vorrat schützender Antikörper - den so genannten Nestschutz - mit.
Diese Antikörper vermitteln Schutz gegen jene Viren und Bakterien, mit denen das Immunsystem der Mutter im Lauf der Jahre Bekanntschaft gemacht und sich davon ein Immun-Gedächtnis in Form von Zellen und Antikörpern geschaffen hat. Mit diesem Nestschutz werden die ersten Wochen und Monate nach der Geburt überbrückt, in denen das Neugeborene gesundheitlich besonders gefährdet ist.
Windpocken-Geimpfte geben später ihren eigenen Kindern weniger "Nestschutz" in Form schützender Antikörper weiter, weil die Immunantwort nach einer Impfung schwächer ausfällt als nach durchgemachter Krankheit. Während Windpocken, das im üblichen Alter (etwa zwischen zwei und sechs Jahren) auftritt, meist vollkommen harmlos verläuft, ist das im Babyalter, sowie im Jugend- und Erwachsenenalter nicht der Fall. Die Komplikationsrate bei Windpocken verläuft in Form einer U-Kurve: zu Beginn des Lebens und im späteren Leben kommt der Organismus mit diesen Viren schlecht klar.
Dieses Problem gilt ebenso für andere virale Erkrankungen wie etwa die Masern. Weil hier bereits seit vielen Jahren geimpft wird, sind die Auswirkungen bereits besser erforscht.
Im einer methodisch sehr guten Arbeit, die im Mai 2010 im British Medical Journal veröffentlicht wurde, zeigten Elke Leuridan und Kollegen von der Universität Antwerpen wie enorm dieser Effekt ist. Sie untersuchten eine Gruppe von 207 Schwangeren, von denen etwa die Hälfte geimpft war und die andere Hälfte ihre Immunität über eine Masern-Erkrankung erhalten hatte.
Im Vergleich war bei den geimpften Frauen die Antikörperkonzentration, die an die Babys weiter gegeben wurde um das Dreieinhalbfache niedriger. Bereits nach einem Monat war deren "Nestschutz" aufgebraucht. Die Babys, deren Mütter noch die Masern durchgemacht hatten, waren hingegen über fast vier Monate vollständig vor Masern geschützt.
Das hier beobachtete Phänomen ist einer der Gründe, warum heute auch viele impfkritische Eltern ihre Kinder gegen Masern impfen lassen: Denn eine Masern-Welle würde für die neugeborenen Babys geimpfter Mütter eine enorme Gefahr bedeuten. Nur die Verhinderung einer Masern-Epidemie kann diese Babys schützen - zumal es auch nicht möglich ist, sie in diesem frühen Alter selbst zu impfen.
Über die allgemeine Masernimpfung ist also ein Zwang entstanden, der nun alle Menschen in die Pflicht nimmt, ihre Kinder ebenfalls impfen zu lassen. Andernfalls würden sie dazu beitragen, dass wieder neue Masern-Wellen auftreten können und dann für Babys geimpfter Mütter Lebensgefahr besteht.
Bei Windpocken stehen wir noch am Anfang dieser Entwicklung. Der Weg ist aber nun aber durch die Empfehlung der STIKO in Deutschland und die Nachfolger in anderen Ländern schon vorgezeichnet: Binnen weniger Jahre ergibt sich hier eine ähnliche, vielleicht sogar noch schlimmere Dynamik wie bei Masern. Denn während Windpocken in der bisher typischen Altersgruppe überwiegend harmlos verlaufen, ändert sich das radikal, wenn sie plötzlich vermehrt bei Neugeborenen, Erwachsenen oder Schwangeren auftreten. Hier kann Windpocken Lebensgefahr bedeuten.
Fazit: Wer seine Kinder gegen Windpocken impfen lässt, riskiert, dass später die eigenen Enkelkinder weniger Nestschutz von ihren geimpften Müttern mitbekommen und diese Babys in der besonders empfindlichen Phase nach der Geburt an einer lebensgefährlichen Infektion erkranken können.
Argument 3: Der Impfschutz ist unzuverlässig, das Erkrankungsalter steigt dramatisch an.
Je höher der Anteil der geimpften Kindern, desto seltener wird eine Windpocken-Welle durchs Land ziehen. Die Folge ist, dass die Krankheit im Schnitt später auftritt.
Sehr gut kann man dies in den USA beobachten, wo bereits seit Mitte der 90er Jahre die allgemeine Impfempfehlung ab dem ersten Lebenjahr gilt. Wie in Europa stand auch in den USA zunächst ein Großteil der Bevölkerung wie auch der Ärzte der Windpocken-Impfung skeptisch gegenüber. Schließlich verfügte jedoch ein Bundesstaat nach dem anderen die Impfpflicht, nach dem bekannten Motto "no vaccination - no school". Wer keine philosophischen oder religiösen Einwände geltend machen konnte, oder wem diese Prozedur zu kompliziert war, musste die Kinder also impfen lassen, weil sie sonst nicht in die Schule durften. Über diesen Zwang gelang es, die Impfquote von 27 Prozent im Jahr 1997 auf 88 Prozent im Jahr 2005 zu heben.
Parallel dazu - zeigen die Berichte der Gesundheits-Behörden - hat sich das durchschnittliche Erkrankungsalter von fünf Jahren auf elf Jahre mehr als verdoppelt. Wenn sich dieser Trend fort setzt, so werden künftig regelmäßig Fälle von Windpocken in der Schwangerschaft auftreten. Hier können die Viren – ähnlich wie bei Röteln – schwere Schäden am Ungeborenen anrichten, worauf es zu Totgeburten kommt oder die Babys mit Behinderungen zur Welt kommen.
Dieses über die Impf-Kampagne ausgelöste Risiko ist auch den Behörden bewusst. Untersuchungen zeigen, dass zu dem Zeitpunkt als die Massen-Impfung eingeführt wurde, 95,5 Prozent der 20-jährigen und 98,9 Prozent der 30-jährigen und 99,6 Prozent der Menschen über 40 immun gegen Windpocken waren(Quelle: NHANES III "Varicella in Americans" JMedVirol. 2003; 70:111-118). Doch anstatt diese hohen Schutzraten zu bewahren, indem eben nicht geimpft wird und dadurch nahezu alle Kinder bis zur Pubertät die Windpocken (Varizellen) durch machen und damit geschützt sind, muss den Frauen nun - z.B. im österreichischen Impfplan von 2010 - vor der Schwangerschaft eine zweimalige Sicherheits-Impfung und sogar eine serologische Abklärung (Prüfung des Antikörper-Titers im Blut) empfohlen werden:
Die Bilanz der US-Impfkampagne ist also zwiespältig. Es erkranken nun zwar wesentlich weniger Kinder an Windpocken, jene die es dennoch erwischt, sind aber deutlich älter und haben ein höheres Komplikationsrisiko. Und es sind gar nicht so wenige, die trotz Impfung erkranken. Sogar Schulen, wo nahezu 100 Prozent der Schüler geimpft waren, wurden von Windpocken-Epidemien erfasst. Es zeigte sich, dass die ursprünglich als sehr hoch angenommene Wirksamkeit der Impfung binnen weniger Jahre stark nach ließ. Die US-Behörden mussten die Schutzrate der Impfung nach unten revidieren und gaben die Wirksamkeit nunmehr mit 44 bis 86 Prozent an.
Der Münchner Epidemiologe Rüdiger von Kries analysierte mit seinem Team alle Windpocken-Ausbrüche des letzten Jahrzehnts und kam in dieser Metaanalyse auf eine durchschnittliche Schutzrate von 72,5 Prozent. Während ein sattes Viertel der geimpften Kinder durch die Impfung also gar keinen Schutz erhält, ist es derzeit auch beim Rest noch nicht abzusehen, wie lange bei ihnen der Impfschutz anhält, zumal auch der "Booster-Effekt" durch Wildviren zunehmend aus bleibt: Damit ist die Auffrischung der Immunität gemeint, die sich früher regelmäßig beim Kontakt mit Windpocken-kranken Kindern einstellte.
Derzeit sind zwei Einzelimpfstoffe (Varilrix von GlaxoSmithKline-GSK, sowie Varivax von Sanofi Pasteur MSD) und eine Kombinationsimpfung am Markt (Priorix-Tetra von GSK). Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Einzelimpfstoffe eine etwas höhere Wirksamkeit haben und der Schutz bei der Kombi-Impfung noch etwas rascher nach lässt. Dennoch wird heute in Deutschland meist die Kombi-Impfung verwendet - wohl auch um die Anzahl der belastenden Impftermine die häufig in ein Heulkonzert ausarten, möglichst niedrig zu halten. Neben der schlechteren Wirksamkeit zeigen sich nach der Kombi-Impfung zudem auch mehr Nebenwirkungen. Eine kürzlich im Fachjournal Pediatrics publizierte Studie ergab ein doppelt so hohes Risiko von Fieberkrämpfen im Zeitraum nach der MMRV-Kombi-Impfung wie bei Einzelgabe von MMR plus Varizellen-Impfung.
Die deutsche "Arbeitsgemeinschaft Masern und Varizellen (AGMV)" betreibt ein Überwachungssystem, an dem etwa 600 Ärzte teilnehmen, die monatlich ihre Fälle melden. Die AGMV ist eine gemeinsame Initiative des Berliner Robert Koch Instituts (RKI) mit den Impfstoffherstellern. Die wissenschaftliche Federführung liegt zwar beim RKI, mit der Durchführung ist jedoch das Deutsche Grüne Kreuz beauftragt, die häufig als Lobbying- und PR-Agentur der Impfstoff-Industrie auftritt.
Es ist heutzutage längst Usus, dass sich die Behörden ihre Aktivitäten von der Industrie bezahlen lassen.
Diese investiert hier gerne. Erkauft sie sich doch mit derartigen Partnerschaften - neben dem Wohlwollen der Behörden - auch einen Erstzugriff auf die Daten. Daraus ergibt sich sowohl ein Informationsvorsprung als auch die Möglichkeit die Interpretation dieser Daten in der öffentlichen Kommunikation mit zu gestalten.
Bislang zeigen die Daten für Deutschland einen deutlichen Rückgang bei den Windpocken-Fällen. Im Zeitraum von 2006 bis 2008 stieg die Durchimpfungsrate bei Windpocken von 38% auf 53% an. Nahezu alle Befragten wissen bereits von der Windpocken-Impfung. Der wichtigste Einfluss-Faktor für oder gegen die Impfung war laut Elternbefragung der Rat der Ärzte. In der Regel folgten die Eltern der Arztempfehlung. Und die Ärzte sind dazu Jahr für Jahr stärker bereit. Von 2006 bis 2008 stieg deren Zustimmung zur Impfung von 48% auf 60% an. Das bedeutet jedoch, dass noch immer 40% der Ärzte der Windpocken-Impfung skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen.
Bei den Eltern bislang ungeimpfter Kinder zeigt sich ein gegenläufiger Trend. Hier stieg der Anteil jener, die erklären, dass sie ihr Kind nicht gegen Windpocken impfen lassen im Zeitraum von 34% auf 40% an.
Beunruhigend erscheint den Autoren eines Münchner Varicellen-Beobachtungs-Systems die Tatsache, dass die Zahl der Durchbruchserkrankungen über die Beobachtungsjahre stark anstieg. Damit sind jene Geimpften gemeint, die dann trotzdem an Windpocken erkranken. Lag der Anteil in der ersten Saison (2006/07) bei 2,7%, stieg er in den Folge-Saisonen auf 5,2% und lag 2008/09 bei 7,9%.
Wohin der Trend hier geht, zeigen die aktuellen Zahlen vom Oktober 2010. In diesem Monat meldeten die Arztpraxen des AGMV- Überwachungssystems insgesamt 395 Neuerkrankungen an Windpocken. Der Anteil der Geimpften unter den Kranken lag nun bereits bei 30,6%.
In den USA wurde auf Basis ähnlicher Erfahrungen ab 2006 die Empfehlung für eine obligate zweite Windpocken-Impfung zur Grund-Immunisierung ausgegeben, eine Maßnahme die in der Folge von industrienahen deutschen Impfexperten forciert wurde und seit 2009 in Deutschland und inzwischen auch in Österreich im Impfplan steht. Die Gesundheits-Behörden hoffen, dass sich damit nun eine bessere Wirksamkeit ergibt, die halbwegs mit jener der Masern-Mumps-Röteln Impfung mithalten kann.
Die deutschen Autoren der zitierten Metaanalyse (darunter zwei Mitglieder der STIKO) zeigen sich diesbezüglich in ihrer Arbeit jedoch skeptisch, und äußern die Befürchtung, dass die Schutzrate im Lauf der Zeit abermals nachlassen könnte.
Fazit: Der Schutz der Windpocken-Impfung lässt relativ rasch nach, etwa ein Viertel der Geimpften erkrankt später trotzdem. Ob dieser Effekt von der kürzlich eingeführten zweiten Impfung gestoppt werden kann, wird von Experten bezweifelt. Erfahrungen aus den USA zeigen, dass sich seit Einführung der Massenimpfung das durchschnittliche Erkrankungsalter verdoppelt hat. Nun drohen vermehrt Fälle von Windpocken während der Schwangerschaft, die - ähnlich wie bei Röteln - zu schweren Komplikationen und Fehlbildungen beim Ungeborenen führen können.
Lesen Sie weiter bei TEIL 2 des Artikels. Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, würden
wir uns über einen kleinen Beitrag zu unserer Arbeit sehr freuen.
Österreich ist diesem Beispiel kürzlich gefolgt. Im Impfplan für 2010 ist erstmals auch die frühe Windpocken-Impfung aller Kinder eingetragen – und zwar bereits ab einem Alter von neun Monaten, jedenfalls aber "vor dem Eintritt in Gemeinschafts-Einrichtungen". In der Schweiz gilt hingegen nach wie vor die alte Empfehlung, nur jene Jugendlichen und Erwachsenen zu impfen, welche die Windpocken nicht auf natürlichem Wege durchgemacht haben.
Der Druck, den Deutsch-Amerikanischen Weg bei der Bekämpfung der Windpocken einzuschlagen wird in der gesamten EU immer stärker. Mittlerweile sind bereits zwei Einzel- und ein Kombinations-Impfstoff gegen Windpocken am Markt. Die Mahnungen der Experten, die Kinder möglichst früh gegen diese überwiegend harmlos verlaufende Infektionskrankheit zu impfen, werden immer dringlicher. Als Grund wird angeführt, dass es in seltenen Fällen doch zu Komplikationen kommen kann, mit der Impfung Pflegetage bei berufstätigen Eltern reduziert werden und grundsätzlich jede vermiedene Krankheit der Gesundheit der Kinder nützt. Viele Eltern, aber auch zahlreiche Ärzte, fühlen sich nicht ausreichend informiert und wissen nicht, welchen Empfehlungen sie nun folgen sollen: Was spricht für – und was gegen die Windpocken Impfung?
Ich habe mich intensiv mit dieser Thematik befasst und möchte hier meine Argumente zur Diskussion stellen.
Argument 1: Die Windpocken sind ein Trainingscamp für das reifende Immunsystem
Unser Immunsystem besteht aus zwei großen Teilen: dem angeborenen und dem erworbenen. Während das angeborene fix und fertig zur Verfügung steht und vor allem während der ersten Lebensmonate unentbehrlich ist, wächst die Bedeutung des erworbenen mit den im Lauf der Zeit erlernten Kompetenzen. Neben unserem Bewusstsein ist das Immunsystem unser zweites lernendes Ich. So individuell sich die Erfahrungen eines Menschen als spezielle Nerven-Netzwerke im Gehirn manifestieren, so tun sie das auch auf der Ebene unserer Immunabwehr.
Bereits während der Geburt beginnt das Immunsystem mit seiner Arbeit und hört damit - wenn wir Glück haben - ein ganzes Leben nicht mehr auf. Die wichtigsten Lerneffekte treten aber naturgemäß in den ersten Lebensjahren eines Kindes auf, wenn die Eindrücke frisch sind und das Immunsystem alle häufigen Viren und Bakterien der Umgebung kennen lernt.
Im Verlauf von Infekten erwirbt das Immunsystem schrittweise seine Kompetenzen. Dazu gehört die Interaktion von Immun- und Nervensystem, etwa bei der Regelung von Fieber, das Einleiten und Abstellen von Entzündungsprozessen, die molekulare Unterscheidung zwischen fremden und körpereigenen Proteinen, die Beurteilung eines fremden Eiweißes als gefährlich oder ungefährlich und viele andere derartige Fähigkeiten, deren komplexe Abläufe die Wissenschaft derzeit gerade mal im Ansatz zu begreifen beginnt.
Wenn sich das Immunsystem ungestört entwickeln kann, gewinnen wir einen kompetenten Lebensbegleiter, der bis ins hohe Alter vor Infektionskrankheiten schützt. Eine zweite, wahrscheinlich noch wichtigere Funktion erfüllt das Immunsystem, wenn es während unseres Schlafes zu Höchstform aufläuft. Dabei unterzieht es den Organismus einem regelmäßigen Service, bei dem kranke und krebsartig-wuchernde Zellen rechtzeitig entdeckt und gestoppt werden.
Das Immunsystem ist jedoch nicht nur ein Schutzengel des Menschen, es kann sich auch gegen den eigenen Organismus wenden und zum unberechenbaren Apparat werden, der das Leben zur Hölle macht: Wenn es etwa harmlose Blütenpollen für gefährliche Eindringlinge hält und über Entzündungen schwere Asthma-Schübe auslöst oder wenn es körpereigene Proteine nicht erkennt, die eigenen Darm- oder Nervenzellen attackiert und schwere irreparable Schäden anrichtet. Wo die Lernprozesse und der Reifungsprozess des Immunsystems nicht gelingen, drohen chronische Allergien und Autoimmun-Krankheiten.
Windpocken ist nun eine der typischen viralen Krankheiten, die bei praktisch allen Kindern ausbrechen und dem Immunsystem ein Trainingscamp bieten. Manche Mediziner argumentieren, dass jede vermiedene Krankheit prinzipiell schon einen Gewinn für die Menschen darstellt. Andere betonen, dass es die meist harmlos ablaufenden Kinderkrankheiten braucht, um die Reifung des Immunsystems zu sichern – und das erscheint mir wesentlich wahrscheinlicher.
Extreme Belege liefert hierfür der Tierversuch: Wenn Versuchstiere in keimfreier Umgebung aufwachsen, so gedeihen sie zwar prächtig - wenn sie dann allerdings einem noch so harmlosen Virus ausgesetzt werden, so sterben diese Versuchstieren auf der Stelle. Dies spricht gegen die These, dass jede vermiedene Krankheit ein Gewinn ist.
Die Windpocken-Impfung enthält abgeschwächte aber lebende Windpocken-Viren, die – im Gegensatz zu den Wildviren – nicht über die Schleimhäute "aus der Luft" aufgenommen, sondern vom Impfarzt unter die Haut injiziert werden. Die Verträglichkeit der Impfung wird als gut beschrieben, Fieber ist selten, die Reaktion des Immunsystems verläuft weitgehend unbemerkt. Wie sich der Lerneffekt der echten Viren von jenem der abgeschwächten Impfviren unterscheidet und welche Rolle Windpocken im Detail für die Reifung des Immunsystems spielen, ist unbekannt. Ungeklärt ist weiters, ob sich diese Lernprozesse von jenen unterscheiden, die das Immunsystem beispielsweise im Kontakt mit Erkältungsviren macht. Niemand weiß, wie viele banale Infekte für die Entwicklung eines reifen Immunsystems notwendig sind. Derzeit gleicht unser Wissen über die hoch komplexen Abläufe, nach denen das Immunsystem funktioniert, gerade mal der Spitze eines eben aufgetauchten Eisberges.
Dessen ungeachtet versucht die moderne Medizin - durchaus in guter Absicht - das Immunsystem über alle möglichen Hebel zu manipulieren und in eine gewünschte Richtung zu beeinflussen.
Etwa mit fiebersenkenden Arzneimitteln, welche die Absicht des Immunsystems - nämlich Fieber zu erzeugen und damit die eigenen Arbeitsbedingungen zu optimieren - sabotieren.
Oder mit Entzündung hemmenden Wirkstoffen wie Cortisol, das als Stresshormon Teil des wichtigsten Gegenspielers des Immunsystems ist.
Unmittelbare Auswirkungen haben auch Antibiotika, die im Darm, dem größten Teilorgan des Immunsystems, unter den hilfreichen Bakterien einen verheerenden Kahlschlag anrichten.
Weiters zählen dazu die vielen modernen Medikamente gegen Rheuma, Multiple Sklerose, Morbus Crohn und andere Autoimmunkrankheiten, die heute die "Blockbuster" unter den umsatzstärksten Arzneimitteln darstellen und die Krankenkassen in den finanziellen Abgrund treiben.
Und dazu gehören schließlich auch die Impfungen, wo dem Immunsystem - wieder in bester Absicht - die Erfahrungen durchgemachter Krankheiten vermittelt werden sollen - ohne diese Krankheiten tatsächlich selbst durch zu machen.
(Wer sich näher für die Entwicklung eines gesunden Immunsystems interessiert, sei auf mein Buch "Lob der Krankheit - Warum es gesund ist, ab und zu krank zu sein" verwiesen. Es wurde 2010 als Taschenbuch im Verlag Lübbe neu aufgelegt.)
Parallel zu diesen in den letzten Jahrzehnten immer häufiger gewordenen Eingriffen ins Immunsystem ist auch die Zahl der dauerhaften Störungen des Immunsystems sprunghaft angestiegen: Mehr als hundert Autoimmunkrankheiten sind mittlerweile bekannt, viele haben heute bereits den Rang von Volkskrankheiten. Dazu kommen die verschiedenen Allergien, von denen in den Industrieländern fast ein Drittel der Bevölkerung betroffen ist.
Doch so leicht es der Medizin fällt, ein gesundes Immunsystem in seinen Funktionen von außen zu beeinflussen, so hoffnungslos ist ihr Wissensstand, wenn es gilt ein gestörtes und aus der Bahn geworfenes Immunsystem wieder zu normalisieren.
Dass es einen Zusammenhang zwischen der Manipulation des Immunsystems und dessen Störungen geben könnte, wird entweder heftig bestritten oder stillschweigend ignoriert.
Fazit: Die Windpocken-Impfung bietet für die Reifung des Immunsystems im Vergleich zur natürlich ablaufenden Krankheit einen wahrscheinlich deutlich geringeren Lerneffekt. Zudem handelt es sich bei der Windpocken-Impfung um eine zusätzliche Manipulation des Immunsystems. Die Auswirkung dieser beiden Effekte sind unbekannt und nicht ausreichend erforscht.
Argument 2: Geimpfte Mütter geben ihren Babys weniger Nestschutz mit
Als Starthilfe für das bei Geburt noch unreife Immunsystem geben die Mütter ihren Babys einen Vorrat schützender Antikörper - den so genannten Nestschutz - mit.
Diese Antikörper vermitteln Schutz gegen jene Viren und Bakterien, mit denen das Immunsystem der Mutter im Lauf der Jahre Bekanntschaft gemacht und sich davon ein Immun-Gedächtnis in Form von Zellen und Antikörpern geschaffen hat. Mit diesem Nestschutz werden die ersten Wochen und Monate nach der Geburt überbrückt, in denen das Neugeborene gesundheitlich besonders gefährdet ist.
Windpocken-Geimpfte geben später ihren eigenen Kindern weniger "Nestschutz" in Form schützender Antikörper weiter, weil die Immunantwort nach einer Impfung schwächer ausfällt als nach durchgemachter Krankheit. Während Windpocken, das im üblichen Alter (etwa zwischen zwei und sechs Jahren) auftritt, meist vollkommen harmlos verläuft, ist das im Babyalter, sowie im Jugend- und Erwachsenenalter nicht der Fall. Die Komplikationsrate bei Windpocken verläuft in Form einer U-Kurve: zu Beginn des Lebens und im späteren Leben kommt der Organismus mit diesen Viren schlecht klar.
Dieses Problem gilt ebenso für andere virale Erkrankungen wie etwa die Masern. Weil hier bereits seit vielen Jahren geimpft wird, sind die Auswirkungen bereits besser erforscht.
Im einer methodisch sehr guten Arbeit, die im Mai 2010 im British Medical Journal veröffentlicht wurde, zeigten Elke Leuridan und Kollegen von der Universität Antwerpen wie enorm dieser Effekt ist. Sie untersuchten eine Gruppe von 207 Schwangeren, von denen etwa die Hälfte geimpft war und die andere Hälfte ihre Immunität über eine Masern-Erkrankung erhalten hatte.
Im Vergleich war bei den geimpften Frauen die Antikörperkonzentration, die an die Babys weiter gegeben wurde um das Dreieinhalbfache niedriger. Bereits nach einem Monat war deren "Nestschutz" aufgebraucht. Die Babys, deren Mütter noch die Masern durchgemacht hatten, waren hingegen über fast vier Monate vollständig vor Masern geschützt.
Das hier beobachtete Phänomen ist einer der Gründe, warum heute auch viele impfkritische Eltern ihre Kinder gegen Masern impfen lassen: Denn eine Masern-Welle würde für die neugeborenen Babys geimpfter Mütter eine enorme Gefahr bedeuten. Nur die Verhinderung einer Masern-Epidemie kann diese Babys schützen - zumal es auch nicht möglich ist, sie in diesem frühen Alter selbst zu impfen.
Über die allgemeine Masernimpfung ist also ein Zwang entstanden, der nun alle Menschen in die Pflicht nimmt, ihre Kinder ebenfalls impfen zu lassen. Andernfalls würden sie dazu beitragen, dass wieder neue Masern-Wellen auftreten können und dann für Babys geimpfter Mütter Lebensgefahr besteht.
Bei Windpocken stehen wir noch am Anfang dieser Entwicklung. Der Weg ist aber nun aber durch die Empfehlung der STIKO in Deutschland und die Nachfolger in anderen Ländern schon vorgezeichnet: Binnen weniger Jahre ergibt sich hier eine ähnliche, vielleicht sogar noch schlimmere Dynamik wie bei Masern. Denn während Windpocken in der bisher typischen Altersgruppe überwiegend harmlos verlaufen, ändert sich das radikal, wenn sie plötzlich vermehrt bei Neugeborenen, Erwachsenen oder Schwangeren auftreten. Hier kann Windpocken Lebensgefahr bedeuten.
Fazit: Wer seine Kinder gegen Windpocken impfen lässt, riskiert, dass später die eigenen Enkelkinder weniger Nestschutz von ihren geimpften Müttern mitbekommen und diese Babys in der besonders empfindlichen Phase nach der Geburt an einer lebensgefährlichen Infektion erkranken können.
Argument 3: Der Impfschutz ist unzuverlässig, das Erkrankungsalter steigt dramatisch an.
Je höher der Anteil der geimpften Kindern, desto seltener wird eine Windpocken-Welle durchs Land ziehen. Die Folge ist, dass die Krankheit im Schnitt später auftritt.
Sehr gut kann man dies in den USA beobachten, wo bereits seit Mitte der 90er Jahre die allgemeine Impfempfehlung ab dem ersten Lebenjahr gilt. Wie in Europa stand auch in den USA zunächst ein Großteil der Bevölkerung wie auch der Ärzte der Windpocken-Impfung skeptisch gegenüber. Schließlich verfügte jedoch ein Bundesstaat nach dem anderen die Impfpflicht, nach dem bekannten Motto "no vaccination - no school". Wer keine philosophischen oder religiösen Einwände geltend machen konnte, oder wem diese Prozedur zu kompliziert war, musste die Kinder also impfen lassen, weil sie sonst nicht in die Schule durften. Über diesen Zwang gelang es, die Impfquote von 27 Prozent im Jahr 1997 auf 88 Prozent im Jahr 2005 zu heben.
Parallel dazu - zeigen die Berichte der Gesundheits-Behörden - hat sich das durchschnittliche Erkrankungsalter von fünf Jahren auf elf Jahre mehr als verdoppelt. Wenn sich dieser Trend fort setzt, so werden künftig regelmäßig Fälle von Windpocken in der Schwangerschaft auftreten. Hier können die Viren – ähnlich wie bei Röteln – schwere Schäden am Ungeborenen anrichten, worauf es zu Totgeburten kommt oder die Babys mit Behinderungen zur Welt kommen.
Dieses über die Impf-Kampagne ausgelöste Risiko ist auch den Behörden bewusst. Untersuchungen zeigen, dass zu dem Zeitpunkt als die Massen-Impfung eingeführt wurde, 95,5 Prozent der 20-jährigen und 98,9 Prozent der 30-jährigen und 99,6 Prozent der Menschen über 40 immun gegen Windpocken waren(Quelle: NHANES III "Varicella in Americans" JMedVirol. 2003; 70:111-118). Doch anstatt diese hohen Schutzraten zu bewahren, indem eben nicht geimpft wird und dadurch nahezu alle Kinder bis zur Pubertät die Windpocken (Varizellen) durch machen und damit geschützt sind, muss den Frauen nun - z.B. im österreichischen Impfplan von 2010 - vor der Schwangerschaft eine zweimalige Sicherheits-Impfung und sogar eine serologische Abklärung (Prüfung des Antikörper-Titers im Blut) empfohlen werden:
Da Varizellen bei Erwachsenen eine schwere Erkrankung darstellen und bei Erkrankung in der Schwangerschaft erhebliche Komplikationen auftreten können, wird empfohlen, bei allen ungeimpften 9-17-Jährigen ohne Varizellenanamnese (oder mit negativer Serologie) die Impfung (2 Einzeldosen im Mindestintervall von 6 Wochen) zu verabreichen.
In seltenen Fällen kann eine Varizellen-Zoster-Virusinfektion innerhalb der ersten 20 Schwangerschaftswochen zu Fehlbildungen beim Feten führen.
Die Bilanz der US-Impfkampagne ist also zwiespältig. Es erkranken nun zwar wesentlich weniger Kinder an Windpocken, jene die es dennoch erwischt, sind aber deutlich älter und haben ein höheres Komplikationsrisiko. Und es sind gar nicht so wenige, die trotz Impfung erkranken. Sogar Schulen, wo nahezu 100 Prozent der Schüler geimpft waren, wurden von Windpocken-Epidemien erfasst. Es zeigte sich, dass die ursprünglich als sehr hoch angenommene Wirksamkeit der Impfung binnen weniger Jahre stark nach ließ. Die US-Behörden mussten die Schutzrate der Impfung nach unten revidieren und gaben die Wirksamkeit nunmehr mit 44 bis 86 Prozent an.
Der Münchner Epidemiologe Rüdiger von Kries analysierte mit seinem Team alle Windpocken-Ausbrüche des letzten Jahrzehnts und kam in dieser Metaanalyse auf eine durchschnittliche Schutzrate von 72,5 Prozent. Während ein sattes Viertel der geimpften Kinder durch die Impfung also gar keinen Schutz erhält, ist es derzeit auch beim Rest noch nicht abzusehen, wie lange bei ihnen der Impfschutz anhält, zumal auch der "Booster-Effekt" durch Wildviren zunehmend aus bleibt: Damit ist die Auffrischung der Immunität gemeint, die sich früher regelmäßig beim Kontakt mit Windpocken-kranken Kindern einstellte.
Derzeit sind zwei Einzelimpfstoffe (Varilrix von GlaxoSmithKline-GSK, sowie Varivax von Sanofi Pasteur MSD) und eine Kombinationsimpfung am Markt (Priorix-Tetra von GSK). Es gibt zahlreiche Hinweise, dass die Einzelimpfstoffe eine etwas höhere Wirksamkeit haben und der Schutz bei der Kombi-Impfung noch etwas rascher nach lässt. Dennoch wird heute in Deutschland meist die Kombi-Impfung verwendet - wohl auch um die Anzahl der belastenden Impftermine die häufig in ein Heulkonzert ausarten, möglichst niedrig zu halten. Neben der schlechteren Wirksamkeit zeigen sich nach der Kombi-Impfung zudem auch mehr Nebenwirkungen. Eine kürzlich im Fachjournal Pediatrics publizierte Studie ergab ein doppelt so hohes Risiko von Fieberkrämpfen im Zeitraum nach der MMRV-Kombi-Impfung wie bei Einzelgabe von MMR plus Varizellen-Impfung.
Die deutsche "Arbeitsgemeinschaft Masern und Varizellen (AGMV)" betreibt ein Überwachungssystem, an dem etwa 600 Ärzte teilnehmen, die monatlich ihre Fälle melden. Die AGMV ist eine gemeinsame Initiative des Berliner Robert Koch Instituts (RKI) mit den Impfstoffherstellern. Die wissenschaftliche Federführung liegt zwar beim RKI, mit der Durchführung ist jedoch das Deutsche Grüne Kreuz beauftragt, die häufig als Lobbying- und PR-Agentur der Impfstoff-Industrie auftritt.
Es ist heutzutage längst Usus, dass sich die Behörden ihre Aktivitäten von der Industrie bezahlen lassen.
Diese investiert hier gerne. Erkauft sie sich doch mit derartigen Partnerschaften - neben dem Wohlwollen der Behörden - auch einen Erstzugriff auf die Daten. Daraus ergibt sich sowohl ein Informationsvorsprung als auch die Möglichkeit die Interpretation dieser Daten in der öffentlichen Kommunikation mit zu gestalten.
Bislang zeigen die Daten für Deutschland einen deutlichen Rückgang bei den Windpocken-Fällen. Im Zeitraum von 2006 bis 2008 stieg die Durchimpfungsrate bei Windpocken von 38% auf 53% an. Nahezu alle Befragten wissen bereits von der Windpocken-Impfung. Der wichtigste Einfluss-Faktor für oder gegen die Impfung war laut Elternbefragung der Rat der Ärzte. In der Regel folgten die Eltern der Arztempfehlung. Und die Ärzte sind dazu Jahr für Jahr stärker bereit. Von 2006 bis 2008 stieg deren Zustimmung zur Impfung von 48% auf 60% an. Das bedeutet jedoch, dass noch immer 40% der Ärzte der Windpocken-Impfung skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen.
Bei den Eltern bislang ungeimpfter Kinder zeigt sich ein gegenläufiger Trend. Hier stieg der Anteil jener, die erklären, dass sie ihr Kind nicht gegen Windpocken impfen lassen im Zeitraum von 34% auf 40% an.
Beunruhigend erscheint den Autoren eines Münchner Varicellen-Beobachtungs-Systems die Tatsache, dass die Zahl der Durchbruchserkrankungen über die Beobachtungsjahre stark anstieg. Damit sind jene Geimpften gemeint, die dann trotzdem an Windpocken erkranken. Lag der Anteil in der ersten Saison (2006/07) bei 2,7%, stieg er in den Folge-Saisonen auf 5,2% und lag 2008/09 bei 7,9%.
Wohin der Trend hier geht, zeigen die aktuellen Zahlen vom Oktober 2010. In diesem Monat meldeten die Arztpraxen des AGMV- Überwachungssystems insgesamt 395 Neuerkrankungen an Windpocken. Der Anteil der Geimpften unter den Kranken lag nun bereits bei 30,6%.
In den USA wurde auf Basis ähnlicher Erfahrungen ab 2006 die Empfehlung für eine obligate zweite Windpocken-Impfung zur Grund-Immunisierung ausgegeben, eine Maßnahme die in der Folge von industrienahen deutschen Impfexperten forciert wurde und seit 2009 in Deutschland und inzwischen auch in Österreich im Impfplan steht. Die Gesundheits-Behörden hoffen, dass sich damit nun eine bessere Wirksamkeit ergibt, die halbwegs mit jener der Masern-Mumps-Röteln Impfung mithalten kann.
Die deutschen Autoren der zitierten Metaanalyse (darunter zwei Mitglieder der STIKO) zeigen sich diesbezüglich in ihrer Arbeit jedoch skeptisch, und äußern die Befürchtung, dass die Schutzrate im Lauf der Zeit abermals nachlassen könnte.
Fazit: Der Schutz der Windpocken-Impfung lässt relativ rasch nach, etwa ein Viertel der Geimpften erkrankt später trotzdem. Ob dieser Effekt von der kürzlich eingeführten zweiten Impfung gestoppt werden kann, wird von Experten bezweifelt. Erfahrungen aus den USA zeigen, dass sich seit Einführung der Massenimpfung das durchschnittliche Erkrankungsalter verdoppelt hat. Nun drohen vermehrt Fälle von Windpocken während der Schwangerschaft, die - ähnlich wie bei Röteln - zu schweren Komplikationen und Fehlbildungen beim Ungeborenen führen können.
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