Die neuen Pneumokokken-Impfstoffe
Impfungen

Die neuen Pneumokokken-Impfstoffe

Die neuen Pneumokokken-Impfstoffe

Ehgartners.Info
28. April 2010
5 Min. Lesezeit
ImpfungenPneumokokkenPrevenarSynflorix
Seit kurzem werden Synflorix und Prevenar 13 als neue Pneumokokken-Impfstoffe angeboten. Das enorme Blockbuster-Potenzial von Prevenar 13 war der Hauptgrund für eine der größten Übernahmen in der Pharmabranche. Pfizer, der weltgrößte Konzern übernahm kürzlich den Prevenar-Hersteller Wyeth zum Preis von 68 Milliarden US-Dollar.
Prevenar ist ursprünglich 2000 zur Prävention invasiver Pneumokokken-Erkrankungen zugelassen worden. Wyeth verfolgte dabei eine enorm riskante Taktik, indem es Prevenar zu einem bis dato nicht üblichen, enorm hohen Preis von mehr als 100€ pro Spritze anbot. Die Pneumokokken-Impfung kostete damit doppelt so viel als alle anderen empfohlenen Impfungen zusammen.

Ein recht raffiniertes Marketing Konzept, das auch darauf abzielte, die Politiker unter starken moralischen Druck zu setzen, führte dazu, dass viele Länder die Pneumokokken-Impfung gratis anboten und beim Konzern Wyeth Millionen von Impfstoff-Dosen einkauften, was Wyeth einen Milliardenumsatz bescherte.

Ob die Pneumokokken-Impfstoffe die Krankheits-Häufigkeit bzw. die Sterblichkeit an Pneumokokken-Infektionen tatsächlich günstig beeinflusst haben, ist unklar.
Zum einen werden Jubelmeldungen in die Welt gestetzt, die schwer auf ihre Seriösität einzuschätzen sind, zum anderen hatten die Massen-Impfungen unerwartete Auswirkungen auf die Bakterienwelt. Es wurden nämlich die in der Impfung enthaltenen Serotypen zurück gedrängt. Diese Positionen nahmen jedoch andere Pneumokokken-Typen ein, die ein noch wesentlich problematischeres Riskio bedeuten. Allen voran wurde hier der Pneumokokken-Typ 19A genannt.

Studien aus Spanien legten den Schluss nahe, dass die Impfaktionen mit Prevenar die Pneumokokken-Situation sogar verschlechtert habe.
Eine sorgfältig durchgeführte Fall-Kontroll-Studie (Barricarte A. et al. 2007) ergab beispielsweise, dass die Impfung mit Prevenar das Risiko einer Erkrankung mit den 7 darin enthaltenen Bakterienstämmen um 88 Prozent reduzierte. Gleichzeitig ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass andere Serotypen diese Krankheiten auslösen, um das Sechsfache angestiegen.

Eine ganz aktuelle Arbeit aus den Archives of Internal Medicine vom 26. April 2010 (Metlay JP.) zeigte, dass die Kinderimpfungen auch für Erwachsene ungute Konsequenzen haben.
In einer Übersichtsarbeit in der die Daten von 48 Akut-Krankenhäusern ausgewertet wurden, fand sich im Zeitraum zwischen 2002 und 2008 eine jährliche Reduktion von 29 Prozent bei den sieben in der Impfung enthaltenen Serotypen.
Gleichzeitig nahmen die Erkrankungen mit nicht in der Impfung enthaltenen Pneumokokken-Typen aber um jährlich 13 Prozent zu.

Weil es von diesen Pneumo-Typen wesentlich mehr gibt, führte das insgesamt zu einem Anstieg der Häufigkeit von invasiven Pneumokokken-Erkrankungen:


Am 10. April ist im European Journal of Pediatrics (Chibuk TK) eine weitere interessante Arbeit erschienen. Da heißt es gleich in der Einleitung, dass die Häufigkeit komplizierter Verläufe von Pneumokokken-Lungenentzündungen bei Kindern in den letzten Jahren zugenommen haben.
Chibuk et al. widmen sich der Frage, ob dieser Effekt durch die Pneumokokken-Impfung ausgelöst wurde. Dafür analysieren sie alle 102 Fälle komplizierter Verläufe von Lungenentzündungen bei Kindern, die in den letzten zehn Jahren an der Stollery Kinderklinik in Edmonton, Alberta aufgetreten sind.

Dabei ergibt sich, dass in der Vor-Impfära bei 21 Prozent der Kinder, nach Einführung von Prevenar bei 26 Prozent der Kinder Pneumokokken nachgewiesen wurden.
Auch hier war der Verdrängungs-Effekt, den die Impfung unter den Bakterientypen ausgelöst hat, enorm:
Bei den kranken Kindern wurden nach Einführung von Prävenar achtmal häufiger Bakterienstämme gefunden, die nicht in der Impfung enthalten waren.
Insgesamt zeigte sich in der Arbeit ein nicht-signifikanter Trend zu einer Zunahme bei den komplizierten Pneumonien nach Einführung der Pneumokokken-Impfung.

Zum Abschluss ringen sich die Autoren noch Worte der Hoffnung ab:

Obwohl es nicht klar ist, dass dieser Anstieg bei den komplizierten Pneumonie-Verläufen durch die Pneumokokken-Impfung verursacht wurde, hat die Ausdehnung der in den Impfungen enthaltenen Serotypen nun das Potential, komplizierte Pneumonie-Verläufe zu reduzieren.

Da wollen wir doch die Daumen drücken.

Zwei Firmen brachten neue Pneumokokkenimpfungen auf den Markt: Das Produkt Synflorix von GSK richtet sich gegen 10 Pneumokokken-Stämme, darunter die alten Prevenar-Stämme 4, 6B, 9V, 14, 18C, 19F und 23 F, sowie die neuen Stämme 1, 5 und 7F.
Prevenar 13 toppt das noch mit den zusätzlichen Typen 3, 6A und 19A.
Die Hersteller von Synflorix verlassen sich bei 6A und 19A scheinbar auf die Crossreaktivität ihres Impfstoffes: Dass sie also trotzdem einen gewissen Immunschutz bietet, obwohl die konkreten Serotypen in der Impfung selbst nicht enthalten sind. Das ist zweifellos ein gewisser Wettbewerbs-Nachteil für das GSK-Produkt.

Das arznei-telegramm, ein kritischer Pharma-unabhängiger Informationsdienst für Ärzte und Apotheker, den ich sehr gut finde, hat in der aktuellen Ausgabe die beiden neuen Pneumokokken-Impfstoffe untersucht und bewertet.

Hier die wichtigeren Ergebnisse:

  • Der Schutzeffekt vor invasiven Pneumokokken-Erkrankungen wurde nicht klinisch geprüft. Es wurde lediglich ein Vergleich der Immunantwort mit Prevenar gemacht.
  • Nach Einschätzung der europäischen Arzneimittelbehörde ist auf Grund ergänzender immunologischer Untersuchungen die Wirksamkeit der in den neuen Produkten zusätzlich enthaltenen Serotypen 1, 3, 5 und möglicherweise auch 19 A fraglich.
  • Prevenar 13 wurde in einer anderen Version wissenschaftlich getestet als es jetzt am Markt ist.
  • Es gibt derzeit keine wirklich objektiven Kriterien, einen der beiden Produkte hervorzuheben. Ob Synflorix oder Prevenar 13 gewählt wird, ist demnach Geschmackssache.
  • Beide Impfstoffe wurden auch zur Vorbeugung von Mittelohrentzündung zugelassen. Das ist nach Ansicht der Experten des Arznei-Telegramm überhaupt nicht nachvollziehbar.
  • Ob die neuen Impfstoffe dem alten Prevenar-Impfstoff überlegen sind, sei ebenfalls fraglich. "Selbst klinische Gleichwertigkeit mit Prevenar", heißt es im arznei-telegramm, "steht unseres Erachtens in Frage."
Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt
Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus und Filmprojekte.
Teilen:← Zurück zur Übersicht

Ähnliche Artikel

Pneumokokken-Impfstudie: Sponsor und Studienleiter verurteilt
GlaxoSmithKline

Pneumokokken-Impfstudie: Sponsor und Studienleiter verurteilt

7. Januar 2012Lesen →
Was machen die Pneumokokken in der Lunge?
ADHS

Was machen die Pneumokokken in der Lunge?

5. Mai 2010Lesen →
Notbremse bei Aluminium
Adjuvantien

Notbremse bei Aluminium

25. August 2012Lesen →
Unabhängiger Journalismus
Unterstützen Sie Bert Ehgartners Arbeit

Seit der Covid-Zeit ist Bert Ehgartner aus dem 'normalen' Medienbetrieb ausgestiegen. Mit dem Erfahrungsschatz von mehr als 40 Berufsjahren liefert er Filme und Artikel, die sich in keiner Weise den Launen des Zeitgeistes anbiedern, sondern ausschließlich seinem Publikum verpflichtet sind.

🔒 SSL-Sicher·PayPal & Kreditkarte·🇪🇺 DSGVO
💝 Jetzt spenden
Sichere Zahlung per PayPal oder Kreditkarte
Beliebte Beträge:
🔒 SSL-Sicher💳 PayPal & Karte🇪🇺 DSGVO