Der Borreliose-Boom
Bis zu 50.000 Menschen erkranken jährlich an Borreliose. Während die Therapie im Frühstadium gut etabliert ist, scheiden sich bei länger zurück liegenden Infektionen die Geister.
„Totkrank“ ist laut „Bild“ der Bankräuber und Erpresser Thomas Wolf. Im Vorjahr hatte „Deutschlands meist gesuchter Verbrecher“ als Zugabe zu seinem Sündenregister auch noch eine Bankiersgattin entführt und war daraufhin mit 1,8 Millionen Euro Lösegeld untergetaucht. Während seiner Flucht verbarg sich Wolf wochenlang in Wäldern, wo er auch Teile seiner Beute vergrub. Erst durch den Hinweis seiner Ex-Freundin konnte er schließlich verhaftet werden. In den nächsten Tagen soll nun am Landesgericht Wiesbaden der Prozess beginnen. Doch Wolfs Anwalt meldet, dass sein Mandant schwer krank und nicht verhandlungsfähig sei: Herzrhythmusstörungen, Nervenlähmungen und Hautverfärbungen machen ihm zu schaffen. Noch vor der Polizei, so das Ergebnis der ärztlichen Untersuchung, dürfte Wolf von einer Borreliose-verseuchten Zecke gefasst worden sein.
Ähnliche Erfahrungen machte im Februar der Hollywood-Star Ben Stiller, bei dem die Infektion einen Arthritis-Schub auslöste. „Mein Knie schwoll an, wurde ganz steif und tat höllisch weh“, berichtete der Schauspieler. Als es nicht besser wurde, ordnete sein Arzt Labortests an und stieß auf die mögliche Erklärung: Der Borreliose-Test war positiv und der Comedian bekam Antibiotika verordnet. An einen Zeckenstich konnte sich Stiller nicht erinnern. Aber immerhin: das Knie schwoll ab.
Weniger Glück hatte der Wiener Installateur-Meister Robert Wessely. Bei ihm war es die Augenärztin, die nach einer wieder kehrenden Bindehaut-Entzündung einen Borreliose-Test anordnete. „Das kommt nicht von außen, das kommt von innen“, erklärte sie ihrem Patienten. Wessely wurde daraufhin zwei Wochen lang stationär aufgenommen und einer Antibiotika-Intesivkur unterzogen. Doch die Therapie nützte wenig. Die Borrelien schlugen sich aufs Herz und Wessely leidet seither an chronischen Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz.
Wessely kann sich – so wie 40 Prozent der Borreliose-Opfer – nicht an einen Zeckenstich erinnern. Auch die charakteristische Wanderröte, die konzentrisch von der Stichstelle aus strahlt, trat bei ihm nicht auf.
Im Gegensatz zur Apothekerin Maria Theresia Aigner aus Neulengbach (NÖ). Sie ertappte im Juli eine Zecke auf frischer Tat in ihrer Kniekehle und entfernte sie mit einer Pinzette. Als sie den Zeckenstich beinahe schon vergessen hatte, zeigte sich – drei Wochen später - der ständig wachsende Kreis.
Die Borreliose boomt und breitet sich – nicht zuletzt durch die Klimaerwärmung – immer weiter aus. Überall wo es nicht zu kalt oder zu trocken ist, kommen unterhalb einer Seehöhe von etwa 1300 Metern Zecken vor. Und die nach dem französischen Mediziner Amédée Borrel benannten Bakterien sind ihre prominenteste und auch am meisten gefürchtete Fracht. Untersuchungen im Darm der zu den Spinnentieren zählenden Parasiten ergaben, dass – je nach Region – zwischen zwei und 50 Prozent der Zecken Borrelien beherbergen, in Österreich sind es im Landes-Durchschnitt 22 Prozent.
Die nahen Verwandten der Syphilis haben sich im Lauf der Evolution perfekt auf die Zecken eingestellt. Sie sind ihr wichtigster Verbreitungs-Helfer. „Etwa jede vierte Zecke überträgt beim Blutsaugen Borrelien“, erklärt der Immunologe Gerold Stanek vom Institut für Hygiene der Medizinischen Universität Wien. Pro Jahr summiert sich das auf etwa 50.000 Erkrankungsfälle. „Ganz Österreich ist betroffen, der Osten etwas stärker.“ Die FSME als wesentlich bekanntere Zeckenkrankheit brachte es im Jahr 2009 auf vergleichsweise bescheidene 79 Krankheitsfälle.
Was Borreliose so besonders macht, ist ihre Unbestimmtheit. Während die Wanderröte als definitives Zeichen einer Krankheit im Frühstadium gilt, und eine Therapie hier – ganz ohne Antikörper-Test – sinnvoll ist, bezweifelt kein Borreliose Experte. Doch bereits bei der zweiten Phase fangen die Unsicherheiten an. Dass Borreliose schwerste Krankheiten auslösen kann, ist bekannt, doch ausgehend von den USA ist diese Diagnose immer mehr auch zu einer Erklärung für eine ganze Unzahl unbestimmter Symptome geworden. Von Schwächegefühl und Chronischer Müdigkeit über Depressionen bis hin zu unbestimmten chronischen Schmerzen wird vieles der Borreliose zugeschrieben. Ein positiver Test gilt vielen Medizinern, um die Diagnose als gesichert anzusehen. Doch wenn die darauffolgende Antibiotika-Therapie keine Linderung bringt, ist der Katzenjammer groß und zeitigen kuriose Folgen. In den USA klagten Selbsthilfegruppen etwa die Krankenkassen auf die Finanzierung lebenlanger Antibiotika-Therapien.
Wie wenig Aussagekräftig ein positiver Borreliose-Test ist, zeigte eindrucksvoll eine Studie, die Gerold Stanek mit Hilfe des burgendländischen Landesjagdverbandes durchführte. Bei mehr als tausend Jägern wurden das Blut auf Antikörper gegen Borrelien untersucht. Das Ergebnis war eine nahezu lineare Abhängigkeit vom Alter: 50-jährige Jäger hatten ein etwa 50 prozentiges Risiko auf einen positiven Test, unter den 70jährigen hatten 70 Prozent Antikörper gegen Borrelien. „Wir hatten aber nur sehr wenige Jäger, die irgendwelche gesundheitlichen Beschwerden angaben“, erinnert sich Stanek.
Die Symptome fortgeschrittener Borreliose sind Medizinern seit langem bekannt. Etwa die charakteristischen Hautausschläge speziell bei älteren Frauen, knallrot angeschwollene Ohrläppchen und Brustwarzen, von einem Gelenk zum anderen „springende“ Entzündungen oder rätselhafte Gesichtslähmungen. Dass derart unterschiedliche Beschwerden eine gemeinsame Ursache haben, weiß man allerdings erst seit kurzem. Rund um das Städtchen Lyme im Bundesstaat Connecticut war es in der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre zu einer ungewöhnlichen Häufung von Gelenksentzündungen bei Kindern gekommen. Mehrere Jahre untersuchte eine „Task-Force“ alle möglichen Ursachen, bis schließlich der Verdacht auf die Zecken fiel. Der Bakteriologe Willy Burgdorfer isolierte im Jahr 1982 schließlich aus deren Darm die Borrelien und Allen Steere, Rheumatologe der nahe gelegenen Yale University wies nach, dass diese an den dicken Knien der Kinder in Lyme schuld waren.
Relativ rasch wurde ein Impfstoff gegen Borreliose entwickelt und 1999 in den USA zugelassen. Weil die in den USA vorherrschende Spezies „Borrelia burgdorferi“ in Europa recht selten ist, liefen die Arbeiten an einem breiter wirksamen europäischen Impfstoff. Doch dann publizierte Steere eine Arbeit, in der er den Verdacht äußerte, dass die Impfung Autoimmunstörungen auslösen könnte. In der Folge brach der Markt ein und der Hersteller GlaxoSmithKline nahm sein Produkt bereits 2002 wieder vom Markt. Bloß als Hunde-Impfstoff wird ein auf demselben Wirkprinzip beruhendes Produkt weiterhin angeboten – sogar in Europa.
Mittlerweile arbeiten mehrere Firmen, darunter zwei österreichische Unternehmen intensiv an einem Comeback der Borreliose-Impfung. Analysten bescheinigen ihr ein enormes Markt-Potenzial.
Davon abgesehen ist bei der Forschung rund um die Borreliose kein besonderes Engagement festzustellen. „Es sind noch unglaublich viele Fragen offen“, sagt die Grazer Dermatologin Elisabeth Aberer. Und der deutsche Zecken-Experte Dieter Hassler konstatiert mangelndes Interesse der Pharmaindustrie: „Das liegt wohl daran, dass die meisten der Antibiotika, mit denen die Krankheit behandelt wird, längst patentfrei zur Verfügung stehen.
Hassler erregte kürzlich mit der These Aufsehen, dass das menschliche Immunsystem nie mit einer Borrelien-Infektion fertig werde. In einer persönlich über mehr als 20 Jahre durchgeführten Erhebung zapfte er jedem einzelnen der rund 4000 Bürger seiner Heimatgemeinde Kraichtal in Baden-Württemberg Blut ab und ließ die Proben auf Antikörper gegen Lyme-Borreliose untersuchen. Bei 16,7 Prozent war der Test positiv. „Und spätestens nach acht Jahren traten bei jedem positiv Getesteten auch Symptome der Borreliose auf.“ Hassler behandelte diese lang zurück liegenden Fälle in der Regel mit hoch dosierten Antibiotika-Kuren.
Für Gerold Stanek ist das nicht nachvollziehbar. „Die Lyme-Borreliose ist ganz überwiegend eine selbstlimitierende Erkrankung, die Antikörper sind Ausdruck der eigenen Abwehr“, sagt Stanek. „Wenn das stimmen würde, dass der Organismus nie mit den Bakterien fertig wird, müsste die halbe Bevölkerung an Borreliose leiden.“ Auch eine vorbeugende Behandlung nach Zeckenstich, wie sie in den USA teilweise empfohlen wird, lehnt Stanek ab. „Da würden wir drei Fälle von Wanderröte verhindern, aber gleichzeitig 97 Prozent der Leute unnötig behandeln.“ Wenn die Hautrötung auftrete, sei es noch früh genug, eine Behandlung zu beginnen.
Doch auch hier gehen die Meinungen weit auseinander. Als Maria Theresia Aigner mit ihrer frischen Borreliose bei mehreren Ärzten um Rat fragte, wuchs ihre Verwirrung mit jeder zusätzlich eingeholten Meinung: „Mir wurden von allen Ärzten verschiedene Präparate der Antibiotika genannt und die sollte ich bis zu 50 Tage lang einnehmen.“
Für Stanek ist das nicht Leitlinien-konform. „Vergleichsstudien haben eindeutig gezeigt, dass die Kurzzeit-Therapie mit einer Dauer von zehn bis vierzehn Tagen der Langzeit-Therpie absolut ebenbürtig ist.“ Wenn Antibiotika unnötig zu lange eingenommen würden, schädige man bloß die eigene Darmflora unnötig und fördere auch die Bildung von Resistenzen.
Positive Nachrichten gibt es hingegen für jene Menschen, die auf Zeckenstiche mit einem besonders intensiven und lange andauernden Juckreiz reagieren. „Je stärker der Juckreiz, desto geringer das Infektionsrisiko mit Borreliose“, fasst Elisabeth Aberer das Ergebnis einer aktuellen Studie zusammen. „Der Zeckenstich scheint bei diesen Leuten eine lokale Entzündung zu machen, welche das Immunsystem so stark aktiviert, dass es eine Übertragung der Borrelien konsequent verhindert.“
„Die Diagnose boomt“
Die Grazer Borreliose-Expertin Elisabeth Aberer warnt, dass ein positiver Test leicht auf eine falsche Fährte führen kann.
Dieser Text erschien in der Ausgabe vom 23. August 2010 im Nachrichtenmagazin profil.
Ähnliche Erfahrungen machte im Februar der Hollywood-Star Ben Stiller, bei dem die Infektion einen Arthritis-Schub auslöste. „Mein Knie schwoll an, wurde ganz steif und tat höllisch weh“, berichtete der Schauspieler. Als es nicht besser wurde, ordnete sein Arzt Labortests an und stieß auf die mögliche Erklärung: Der Borreliose-Test war positiv und der Comedian bekam Antibiotika verordnet. An einen Zeckenstich konnte sich Stiller nicht erinnern. Aber immerhin: das Knie schwoll ab.
Weniger Glück hatte der Wiener Installateur-Meister Robert Wessely. Bei ihm war es die Augenärztin, die nach einer wieder kehrenden Bindehaut-Entzündung einen Borreliose-Test anordnete. „Das kommt nicht von außen, das kommt von innen“, erklärte sie ihrem Patienten. Wessely wurde daraufhin zwei Wochen lang stationär aufgenommen und einer Antibiotika-Intesivkur unterzogen. Doch die Therapie nützte wenig. Die Borrelien schlugen sich aufs Herz und Wessely leidet seither an chronischen Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz. Wessely kann sich – so wie 40 Prozent der Borreliose-Opfer – nicht an einen Zeckenstich erinnern. Auch die charakteristische Wanderröte, die konzentrisch von der Stichstelle aus strahlt, trat bei ihm nicht auf.
Im Gegensatz zur Apothekerin Maria Theresia Aigner aus Neulengbach (NÖ). Sie ertappte im Juli eine Zecke auf frischer Tat in ihrer Kniekehle und entfernte sie mit einer Pinzette. Als sie den Zeckenstich beinahe schon vergessen hatte, zeigte sich – drei Wochen später - der ständig wachsende Kreis.
Die Borreliose boomt und breitet sich – nicht zuletzt durch die Klimaerwärmung – immer weiter aus. Überall wo es nicht zu kalt oder zu trocken ist, kommen unterhalb einer Seehöhe von etwa 1300 Metern Zecken vor. Und die nach dem französischen Mediziner Amédée Borrel benannten Bakterien sind ihre prominenteste und auch am meisten gefürchtete Fracht. Untersuchungen im Darm der zu den Spinnentieren zählenden Parasiten ergaben, dass – je nach Region – zwischen zwei und 50 Prozent der Zecken Borrelien beherbergen, in Österreich sind es im Landes-Durchschnitt 22 Prozent.
Die nahen Verwandten der Syphilis haben sich im Lauf der Evolution perfekt auf die Zecken eingestellt. Sie sind ihr wichtigster Verbreitungs-Helfer. „Etwa jede vierte Zecke überträgt beim Blutsaugen Borrelien“, erklärt der Immunologe Gerold Stanek vom Institut für Hygiene der Medizinischen Universität Wien. Pro Jahr summiert sich das auf etwa 50.000 Erkrankungsfälle. „Ganz Österreich ist betroffen, der Osten etwas stärker.“ Die FSME als wesentlich bekanntere Zeckenkrankheit brachte es im Jahr 2009 auf vergleichsweise bescheidene 79 Krankheitsfälle.
Was Borreliose so besonders macht, ist ihre Unbestimmtheit. Während die Wanderröte als definitives Zeichen einer Krankheit im Frühstadium gilt, und eine Therapie hier – ganz ohne Antikörper-Test – sinnvoll ist, bezweifelt kein Borreliose Experte. Doch bereits bei der zweiten Phase fangen die Unsicherheiten an. Dass Borreliose schwerste Krankheiten auslösen kann, ist bekannt, doch ausgehend von den USA ist diese Diagnose immer mehr auch zu einer Erklärung für eine ganze Unzahl unbestimmter Symptome geworden. Von Schwächegefühl und Chronischer Müdigkeit über Depressionen bis hin zu unbestimmten chronischen Schmerzen wird vieles der Borreliose zugeschrieben. Ein positiver Test gilt vielen Medizinern, um die Diagnose als gesichert anzusehen. Doch wenn die darauffolgende Antibiotika-Therapie keine Linderung bringt, ist der Katzenjammer groß und zeitigen kuriose Folgen. In den USA klagten Selbsthilfegruppen etwa die Krankenkassen auf die Finanzierung lebenlanger Antibiotika-Therapien.
Wie wenig Aussagekräftig ein positiver Borreliose-Test ist, zeigte eindrucksvoll eine Studie, die Gerold Stanek mit Hilfe des burgendländischen Landesjagdverbandes durchführte. Bei mehr als tausend Jägern wurden das Blut auf Antikörper gegen Borrelien untersucht. Das Ergebnis war eine nahezu lineare Abhängigkeit vom Alter: 50-jährige Jäger hatten ein etwa 50 prozentiges Risiko auf einen positiven Test, unter den 70jährigen hatten 70 Prozent Antikörper gegen Borrelien. „Wir hatten aber nur sehr wenige Jäger, die irgendwelche gesundheitlichen Beschwerden angaben“, erinnert sich Stanek.
Die Symptome fortgeschrittener Borreliose sind Medizinern seit langem bekannt. Etwa die charakteristischen Hautausschläge speziell bei älteren Frauen, knallrot angeschwollene Ohrläppchen und Brustwarzen, von einem Gelenk zum anderen „springende“ Entzündungen oder rätselhafte Gesichtslähmungen. Dass derart unterschiedliche Beschwerden eine gemeinsame Ursache haben, weiß man allerdings erst seit kurzem. Rund um das Städtchen Lyme im Bundesstaat Connecticut war es in der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre zu einer ungewöhnlichen Häufung von Gelenksentzündungen bei Kindern gekommen. Mehrere Jahre untersuchte eine „Task-Force“ alle möglichen Ursachen, bis schließlich der Verdacht auf die Zecken fiel. Der Bakteriologe Willy Burgdorfer isolierte im Jahr 1982 schließlich aus deren Darm die Borrelien und Allen Steere, Rheumatologe der nahe gelegenen Yale University wies nach, dass diese an den dicken Knien der Kinder in Lyme schuld waren.
Relativ rasch wurde ein Impfstoff gegen Borreliose entwickelt und 1999 in den USA zugelassen. Weil die in den USA vorherrschende Spezies „Borrelia burgdorferi“ in Europa recht selten ist, liefen die Arbeiten an einem breiter wirksamen europäischen Impfstoff. Doch dann publizierte Steere eine Arbeit, in der er den Verdacht äußerte, dass die Impfung Autoimmunstörungen auslösen könnte. In der Folge brach der Markt ein und der Hersteller GlaxoSmithKline nahm sein Produkt bereits 2002 wieder vom Markt. Bloß als Hunde-Impfstoff wird ein auf demselben Wirkprinzip beruhendes Produkt weiterhin angeboten – sogar in Europa.
Mittlerweile arbeiten mehrere Firmen, darunter zwei österreichische Unternehmen intensiv an einem Comeback der Borreliose-Impfung. Analysten bescheinigen ihr ein enormes Markt-Potenzial.
Davon abgesehen ist bei der Forschung rund um die Borreliose kein besonderes Engagement festzustellen. „Es sind noch unglaublich viele Fragen offen“, sagt die Grazer Dermatologin Elisabeth Aberer. Und der deutsche Zecken-Experte Dieter Hassler konstatiert mangelndes Interesse der Pharmaindustrie: „Das liegt wohl daran, dass die meisten der Antibiotika, mit denen die Krankheit behandelt wird, längst patentfrei zur Verfügung stehen.
Hassler erregte kürzlich mit der These Aufsehen, dass das menschliche Immunsystem nie mit einer Borrelien-Infektion fertig werde. In einer persönlich über mehr als 20 Jahre durchgeführten Erhebung zapfte er jedem einzelnen der rund 4000 Bürger seiner Heimatgemeinde Kraichtal in Baden-Württemberg Blut ab und ließ die Proben auf Antikörper gegen Lyme-Borreliose untersuchen. Bei 16,7 Prozent war der Test positiv. „Und spätestens nach acht Jahren traten bei jedem positiv Getesteten auch Symptome der Borreliose auf.“ Hassler behandelte diese lang zurück liegenden Fälle in der Regel mit hoch dosierten Antibiotika-Kuren.
Für Gerold Stanek ist das nicht nachvollziehbar. „Die Lyme-Borreliose ist ganz überwiegend eine selbstlimitierende Erkrankung, die Antikörper sind Ausdruck der eigenen Abwehr“, sagt Stanek. „Wenn das stimmen würde, dass der Organismus nie mit den Bakterien fertig wird, müsste die halbe Bevölkerung an Borreliose leiden.“ Auch eine vorbeugende Behandlung nach Zeckenstich, wie sie in den USA teilweise empfohlen wird, lehnt Stanek ab. „Da würden wir drei Fälle von Wanderröte verhindern, aber gleichzeitig 97 Prozent der Leute unnötig behandeln.“ Wenn die Hautrötung auftrete, sei es noch früh genug, eine Behandlung zu beginnen.
Doch auch hier gehen die Meinungen weit auseinander. Als Maria Theresia Aigner mit ihrer frischen Borreliose bei mehreren Ärzten um Rat fragte, wuchs ihre Verwirrung mit jeder zusätzlich eingeholten Meinung: „Mir wurden von allen Ärzten verschiedene Präparate der Antibiotika genannt und die sollte ich bis zu 50 Tage lang einnehmen.“
Für Stanek ist das nicht Leitlinien-konform. „Vergleichsstudien haben eindeutig gezeigt, dass die Kurzzeit-Therapie mit einer Dauer von zehn bis vierzehn Tagen der Langzeit-Therpie absolut ebenbürtig ist.“ Wenn Antibiotika unnötig zu lange eingenommen würden, schädige man bloß die eigene Darmflora unnötig und fördere auch die Bildung von Resistenzen.
Positive Nachrichten gibt es hingegen für jene Menschen, die auf Zeckenstiche mit einem besonders intensiven und lange andauernden Juckreiz reagieren. „Je stärker der Juckreiz, desto geringer das Infektionsrisiko mit Borreliose“, fasst Elisabeth Aberer das Ergebnis einer aktuellen Studie zusammen. „Der Zeckenstich scheint bei diesen Leuten eine lokale Entzündung zu machen, welche das Immunsystem so stark aktiviert, dass es eine Übertragung der Borrelien konsequent verhindert.“
„Die Diagnose boomt“Die Grazer Borreliose-Expertin Elisabeth Aberer warnt, dass ein positiver Test leicht auf eine falsche Fährte führen kann.
profil: Ist die Borreliose eigentlich eine normale Krankheit?
Aberer: Nein, sie ist sehr schwierig zu diagnostizieren. Symptome wie chronische Müdigkeit, Schmerzen, Verspannungen können genauso von einer Grippe stammen oder von einem Burn-Out. Aber wenn dann der Betroffene die Antikörper bestimmen lässt und die sind positiv, dann heißt es „man hat Borreliose“. Das ist aber überhaupt kein Beweis, weil ein sehr hoher Anteil der Bevölkerung auch ohne irgendwelche Beschwerden Borreliose-Antikörper positiv ist.
profil: Wie hoch ist denn der Anteil in der Bevölkerung, die bei einem Borrelien-Test positiv reagieren würden – also schon einmal eine Infektion ausgestanden haben?
Abererer: Bei gesunden Blutspendern sind etwa 10 Prozent positiv, bei Waldarbeitern und Orientierungsläufern kommt man auf 30 Prozent. Mit dem Alter nimmt die Durchseuchung zu. Bei einer burgenländischen Studie zeigte sich, dass fünfzigjährige Jäger zu etwa 50 Prozent positiv gemessen werden und siebzigjährige Jäger zu 70 Prozent. Davon hat jedoch kaum jemand Beschwerden gehabt.
profil: Viele Ärzte verschreiben Antibiotika zur Sicherheit.
Aberer: Das halte ich für sehr riskant. Wenn keine Krankheits-Aktivität besteht, sollten keine Antibiotika gegeben werden. Denn bei diesen Medikamenten besteht immer das Risiko einer allergischen Reaktion und anderer Nebenwirkungen. Am häufigsten ist Durchfall, es können aber auch Veränderungen im Blutbild oder Probleme mit der Leber auftreten.
profil: Ist Borreliose in den letzten Jahren häufiger geworden oder ist sie derzeit bloß besonders modern?
Aberer: Dass die Diagnose boomt, kann man schon sagen. Fast jeder Arzt ist versucht, Antikörper zu bestimmen, wenn die Patienten bestimmte Beschwerden schildern. Es wird einfach viel zu oft untersucht. Der positive Test führt oft auf eine falsche Fährte. Die klaren Krankheitsbilder, wie etwa die Neuroborreliose oder die Borreliose-spezifische Arthritis sind sehr klar definiert. Beim Rest gibt es eine gewaltige Grauzone.
profil: Als verlässlichster Beweis für eine Borrelien-Infektion gilt die Wanderröte, die sich konzentrisch von der Stichstelle der Zecke ausbreitet.
Abererer: Ja, sie tritt im Zeitraum von vier bis etwa 20 Tagen nach dem Stich einer infizierten Zecke auf. Wenn hier rechtzeitig Antibiotika gegeben werden, liegt die Wahrscheinlichkeit bei mehr als 90 Prozent, dass die Infektion damit ausgeheilt wird. Bei einem kleinen Teil, etwa bei fünf Prozent können allerdings eine Weile Allgemeinbeschwerden zurück bleiben.
profil: Können Gelsen oder Bremsen auch Borrelien übertragen?
Abererer: Das ist eher unwahrscheinlich, weil Borrelien ein Mikroklima brauchen, in dem sie überleben können – und da ist der Zeckendarm ideal. Man hat zwar schon in einzelnen Fällen Borrelien in Gelsen gefunden, aber man nimmt an, dass die eher zufällig aufgenommen wurden, die Gelse also gerade eine Maus gestochen hat, die Borrelien in ihrem Blut hatte. Borrelien können aber nicht über längere Zeit in diesen Tieren leben, oder gar überwintern, so wie das bei den Zecken der Fall ist.
profil: Also theoretisch kann durchaus auch eine Gelse oder eine Bremse eine Wanderröte auslösen?
Abererer: Ja, die Patienten berichten das glaubhaft. Recht oft passieren Zeckenstiche aber auch unbemerkt. Im Prinzip spielt das aber keine Rolle, denn wenn die Wanderröte auftritt, dann soll man sie auch behandeln.
Elisabeth Aberer ist Leiterin der Ambulanz für Immundermatologie der Medizinischen Universität Graz und eine der Autorinnen der deutschen Leitlinien zur Behandlung der Lyme Borreliose
Dieser Text erschien in der Ausgabe vom 23. August 2010 im Nachrichtenmagazin profil.
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