Der Aufstand der Turnusärzte
Ehgartners.Info
8. Juni 2010
3 Min. Lesezeit
Die letzte Woche habe ich mit Dreharbeiten in der Steiermark und in Oberösterreich verbracht. Dabei entstand der Beitrag "Der Aufstand der Turnusärzte", der gestern im ORF-Magazin "Thema" gelaufen ist.
Infusionen anhängen, Blut abnehmen, Überweisungen schreiben. Ärzte haben im internationalen Vergleich eine extrem lange, gleichzeitig aber sehr schlechte Ausbildung. Die rund 6.500 Turnusärzte werden als billige Systemerhalter in den Krankenhäusern missbraucht. Eine exklusiv vorliegende Österreich weite Befragung von 265 Turnusärzten zeigt: Sie sind frustriert und verärgert. 25 Stunden Schichten sind nach wie vor üblich. Während die Jungärzte am Tag fast gar nichts dürfen, sind sie nachts dann völlig auf sich allein gestellt und für ganze Abteilungen zuständig. „Wenn ich den Oberarzt aufwecke, ist er stinksauer auf mich.“
Julia Baumgartner, Vorsitzende der Jungen Allgemeinmediziner Österreichs (JAMÖ) verfasste zusammen mit anderen Jungärzten eine Petition zur Stärkung der Allgemeinmedizin: "Wir wollen endlich eine Ausbildung!" (Foto: Martin Blahowsky)
Nun gehen die Jungärzte mit einer Petition an die Öffentlichkeit und fordern eine Stärkung der Position der Allgemeinmedizin und endlich eine Ausbildung im Turnus statt Sklavenarbeit auf Hilfsarbeiter-Niveau: „Entweder wir bekommen endlich eine Ausbildung, oder wir wandern ins Ausland ab!“ Tatsächlich ist der Trend bereits deutlich sichtbar. An den Unis gibt es immer mehr Versuche ausländischer Krankenanstalten, österreichische Jungmediziner gezielt abzuwerben. Bereits vier Bundesländer haben einen starken Turnusärztemangel. Und auch von den deutschen Medizinstudenten geht der Großteil nach Absolvierung des Studiums wieder zurück nach Hause – wo es keinen Turnus gibt.
Wissenschaftsministerin Beatrix Karl fordert mehr Praxis im Studium und die Abschaffung des Turnus um den Arztberuf wieder attraktiver zu machen. Gesundheitsminister Stöger fürchtet um die Qualität der Ausbildung, wenn zu viel davon in die Studienzeit verlegt wird.
Besonders krass ist die Lage bei den Allgemeinmedizinern, denen zudem noch immer die Facharzt-Ausbildung verwehrt wird. Nach dem Turnus haben sie das Recht, sich als „praktische Ärzte“ niederzulassen, oftmals ohne in der Ausbildung jemals eine Arztpraxis von innen gesehen zu haben.
Es gibt viel zu wenige Lehrpraxen. Eine ursprünglich als Reform gedachte Aktion der Ärztekammer erwies sich als Schuss ins eigene Knie: Seit Jahresbeginn müssen erfahrene Ärzte, die Jungemediziner ausbilden dafür fast doppelt so viel zahlen wie bisher. Seither sprangen viele Lehrpraxen ab. „Ich kann mir das beim besten Willen nicht leisten“, sagen viele dieser Ärzte. Nun gibt fast überhaupt keine Ausbildungs-Plätze mehr.
Das Krankenhaus Wels-Grieskirchen, mit rund 1400 Betten das größte Ordensspital Europas, hatte bislang unter Turnusärzten einen besonders schlechten Ruf. Mittlerweile gibt es einen so starken Mangel an Nachwuchs, dass die Klinikleitung ein Pilotprojekt gestartet hat. An der Lungenabteilung sind Turnusärzte fest integrierte Mitglieder im Team. Für den Papierkrieg wurden eigene Stations-Assistentinnen eingestellt. Ein eigener Oberarzt ist ganz für die Ausbildung der Turnusärzte abgestellt.
Dies bleibt die Grundsatzfrage: Turnus reformieren – oder abschaffen?
Der Beitrag kann über diesen Link ins ORF-Archiv abgerufen werden:
ORF TVthek: Thema - 07.06.2010 21:10 Uhr
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