Brustkrebs durch Deodorants?
Philippa
Darbre ist eine fröhliche, selbstbewusste Frau Mitte fünfzig. Sie hat eine
erfolgreiche wissenschaftliche Karriere mit Stationen an verschiedenen
britischen Universitäten absolviert und ist seit nunmehr 21 Jahren an der
Universität Reading im Norden Londons tätig, wo sie als Assistenzprofessorin im
Fach der Krebsheilkunde arbeitet. Neben ihrer Forschungstätigkeit unterrichtet
sie mehr als 300 Studenten.
| Philippa Darbre, University of Reading (Foto: Ehgartner) |
Darbres
Spezialgebiet ist Brustkrebs, der häufigste Tumor der Frauen mit dem höchsten
Sterberisiko. Im weiten Feld der Tumorforschung auf diesem Gebiet untersucht
Darbre speziell die Rolle von Hormonen und hormon-ähnlichen Stoffen, die zur
Entstehung von Krebs führen oder dessen Wachstum fördern.
Vor
etwa 15 Jahren erhielt Darbre in der Diskussion mit ihren Studenten einen
Hinweis, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging und der ihre weitere
Forschungsrichtung entscheidend beeinflusste. Ein Student sagte in der
Diskussion, dass bei ihm zu Hause – auf Grund mehrerer Ereignisse im Umfeld
seiner Familie – die Meinung vorherrsche, dass Kosmetikprodukte Brustkrebs
auslösen könnten.
Dieser
Hinweis fiel bei ihr auf fruchtbaren Boden. Hatte sie doch bereits seit Langem
die Tatsache irritiert, dass Brustkrebs überproportional häufig im sogenannten
„äußeren oberen Quadranten“ der Brust auftritt. „Die weibliche Brust wird in
vier Quadranten und einen zentralen Bereich um die Brustwarze aufgeteilt, die
etwas gleich groß sind“, erklärt Darbre. Wenn man das simpel dividiert, hätte
also jeder dieser Bereiche eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent, dass dort
ein Tumor wächst. „Dem ist aber nicht so“, sagt Darbre, „denn in der Realität
finden sich in jenem äußeren oberen Quadranten unmittelbar neben den
Achselhöhlen fast dreimal so viele Tumore wie in den anderen Bereichen der
Brust.“
Die
Krebsforschung erklärt diese Tatsache damit, dass dieser Quadrant besonders
dichtes Gewebe hat. Hier verlaufen die Lymphbahnen hin zur Achsel, hier seien
auch besonders viele Milchdrüsen und Milchbahnen, die zur Brustwarze führen.
Und weil Krebs vor allem aus diesen epithelialen Zellen entsteht, welche sich
rund um die Milchbahnen anheften, wäre dies auch eine adäquate Erklärung für
die beschriebene Beobachtung.
Doch
Darbre gab sich damit nicht zufrieden und suchte in den Medizinarchiven nach
Angaben, ob die Häufigkeit in diesem Quadranten immer schon so hoch lag. Und
sie staunte nicht schlecht, als sie auf umfassende Untersuchungen aus den
1930er Jahren stieß, welche hier ganz andere Verteilungen fanden: „Damals lag
die Häufigkeit von Brustkrebs in diesem Quadranten neben der Achselhöhle gerade
mal bei 30 Prozent, nun halten wir bei 50 bis 60 Prozent“, sagt Darbre. „Das
spricht eindeutig dafür, dass über die Jahrzehnte hier ein negativer
Umwelteinfluss stärker geworden ist und sich hier negativ auswirkt.“
Einiges
spricht dafür, dass der negative Einfluss tatsächlich aus dem Bereich der
Kosmetik kommt, so wie es der Student hinausposaunt hatte. Und am meisten unter
Verdacht sind die Deodorants bzw. noch genauer: die Antiperspirants.
Dass
die Haut eine unüberwindbare Barriere bildet, welche keine Stoffe durchlässt,
wurde bereits mehrfach widerlegt. Im Gegensatz zu Seife, Shampoo oder Duschgel
bleibt ein Deo deutlich länger auf der Haut. Es soll ja dafür sorgen, dass man
den ganzen Tag – oder noch länger – nicht schwitzt und gut riecht.
Hauptsächlicher
Wirkstoff in Deos ist Aluminium, meist in Verbindung mit Chlor, z. B. Aluminium
Chlorohydrat. Sobald das Deo auf die Haut aufgetragen wird, reagiert der
Wirkstoff mit den Zellen der Haut. Dabei bindet das Aluminium an die Hautzellen
und verändert diese so sehr, dass die Schweißdrüsen verstopft werden.
„Die
Alu-Verbindung macht in Deos bis zu 25 Prozent des Inhalts aus“, erklärt
Darbre. „Das ist keine kleine Menge, welche wir hier auf die Haut auftragen.“
Aluminium-Ionen
sind sehr schwer zu beobachten. Um ihre Spur zu verfolgen, müssen sie besonders
markiert werden, indem sie beispielsweise mit fluoreszierenden Teilchen
kombiniert werden. Bereits vor Jahren haben Wissenschaftler demonstriert, dass
Aluminium die Haut problemlos durchdringt und sich die Ionen später in der
Blutbahn oder in Organen wiederfinden. Wenn Aluminium über belastete
Nahrungsmittel beim Essen oder Trinken aufgenommen wird, so bleibt nur relativ
wenig davon im Organismus, weil der Magen-Darm-Trakt relativ gut darin
eingespielt ist, unbrauchbare Fremdkörper durchzuschleusen. Über die Haut
gelingt das deutlich schlechter. Hier verbleibt deutlich mehr Aluminium im
Körper. Und am meisten natürlich in jenen Regionen, wo das Aluminium
aufgetragen wird.
Ob
Aluminium selbst in der Lage ist, Brustzellen so zu verändern, dass Krebs
entsteht, entwickelte sich schon früh zur Kernfrage in Darbres Forscherteam[1]. Doch wie sollte man diese
Frage anständig beantworten? Gemeinsam mit Chris Exley führte sie eine Studie
durch, in der sie Brustgewebe auf seinen Gehalt an Aluminium untersuchten.
Dabei zeigte sich eine signifikante Abnahme, je weiter man von der Sprühzone
unter den Achseln wegkam[2].
In
einem neuen, noch nicht publizierten Experiment entschloss sich Darbre, den
Einfluss von Aluminium auf Brustzellen möglichst naturgetreu nachzuahmen. Dazu
setzte sie Zellen im Labor einer ganz niedrigen Dosis Aluminium Chlorohydrat
aus. „Da viele Menschen über lange Zeiträume immer wieder ihre Deos verwenden,
haben wir beschlossen, uns auch auf diesen Langzeiteffekt zu verlegen.“ Über
ein Jahr blieb die Zellkultur also in Nährlösung im Schrank – bei
gleichbleibender Temperatur. Einmal eine Zell-Linie mit Alu - und die Kontroll-Linie
ohne Alu.
Während
ich Philippa Darbre in ihrem Labor besuche, wirft sie einen Blick auf die
Kulturen, die im Fermentor bei gleichbleibender Temperatur gelagert sind. Sie
wirkt aufgeregt, als sie verschiedene der Schalen mit der darin enthaltenen
leicht rosafarbenen Flüssigkeit unter dem Mikroskop untersucht. Ich frage, was
sie hier tut, und sie sagt: „Es scheint tatsächlich zu stimmen. Sehen Sie mal.“
Und dann zeigt sie mir normale Zellkulturen ohne Aluminium. „Sie haben sich
kaum verändert, seit wir sie vor Monaten angelegt haben.“ Dann legt sie andere
Kulturen unter das Mikroskop und hier merke ich als Laie auf den ersten Blick,
dass hier ein gewaltiger Unterschied besteht. In der mit Alu versetzten
Brustzellen-Kultur finden sich häufig seltsame Zellverbände, manchmal auch
große schwarze Riesenzellen. „Diese tumorartigen Gebilde“, sagt Darbre, „das
ist Brustkrebs im Anfangsstadium.“
Nun
ist eine Zellkultur im Labor kein lebendiger Organismus und es ist nicht
zulässig, diese Resultate eins zu eins auf den Menschen zu übertragen. Doch
beruhigend sind diese Beobachtungen keineswegs. Zumal andere Forschergruppen
unter leicht veränderten Umständen genau dieselben Resultate erzielen.
Zu
Jahresbeginn 2012 publizierte eine Forschergruppe der Universität Genf eine
Versuchsreihe mit Zellen aus dem Brustgewebe, die mit einer Lösung aus
Aluminiumchlorid versetzt wurden[3]. Die Aluminiumlösung wurde
dabei in 100.000-fach niedrigerer Dosis beigesetzt, als sie in Deodorants
enthalten ist, orientierte sich aber an jenen Konzentrationen, die in
Brustgewebe gefunden wurden. Bereits nach einer Zeitspanne von sechs Wochen
zeigten sich deutliche Unterschiede im Vergleich zu einer nicht mit Aluminium
versetzten Kontroll-Kultur.
Jene
Epithelial-Zellen sind in der weiblichen Brust dicht um die Milchgänge
angeheftet und ihre Aufgabe ist es, Muttermilch zu erzeugen. Im Labor heften
sich die Zellen an die Oberfläche des Kulturgefäßes. Ohne diesen Kontakt würden
sie nicht gedeihen. Die Schweizer Wissenschaftler beschreiben aber nun, dass
sich die Zellen unter dem Einfluss von Aluminiumchlorid lösten und einen
untypischen Wachstumsprozess starteten. Nähere Untersuchungen zeigten rapid
gealterte, vergreiste Zellen sowie zahlreiche Brüche in beiden Strängen der
DNA-Doppelhelix.
„Schäden
an der Erbsubstanz sind immer die erste Voraussetzung für Krebs“, erklärt
Darbre. Und dazupassend erlaubt sie mir noch einen weiteren Blick in die
Zukunft ihrer künftigen Veröffentlichungen.
Sie
untersucht nämlich in einem recht aufwändigen Experiment gemeinsam mit einigen
Doktoranden, ob Aluminium noch einen weiteren negativen – ja einen tödlichen
Einfluss nimmt: „Wir versuchen zu messen, ob Aluminium auch noch die Bewegung,
die Absiedelung der Krebszellen negativ beeinflusst“, erklärt Darbre. „Das ist
besonders bedeutsam, weil niemand an einem Knoten in der Brust stirbt. Die
Frauen sterben hingegen an den Absiedelungen, den Metastasen, die sich im
Körper auf entfernte Organe wie Lunge oder Leber ausbreiten.“
Und
tatsächlich erweist sich auch dieser Verdacht als hoch wahrscheinlich. Es sind
zwar bisher nur Stichproben unter Beobachtung. „Doch wenn sich der Trend so
fortsetzt, wird das ein sehr heftiges Resultat abgeben.“
Dass
diese Grundlagenarbeit im Labor keine Ausflüge in versponnene Ideen ohne
Relevanz im wirklichen Leben sind, zeigte Darbre mit zwei weiteren Arbeiten,
die kürzlich in angesehenen Journalen erschienen sind.
Eine
war eine Zusammenarbeit mit einer italienischen Forschergruppe und untersuchte
den Gehalt an Aluminium in der Brustflüssigkeit von Frauen, die an Brustkrebs
erkrankt waren[4]. Diese Werte wurden mit
jenen von gesunden Frauen verglichen. Insgesamt nahmen 35 Frauen an diesem
Experiment teil. Über eine Vakuumpumpe wurden ein paar Tropfen Flüssigkeit aus
den Brustnippeln abgesaugt. Bei den Frauen mit Brustkrebs lag der Aluminiumgehalt
der Nippel-Flüssigkeit im Mittel bei 268 Mikrogramm pro Liter (μg/l). Die
gesunden Frauen kamen im Durchschnitt auf einen Wert von 131μg/l.
Aluminium
hat in der weiblichen Brust – so wie im gesamten menschlichen Körper – nichts
verloren und keinerlei Funktion. Alle Spuren von Aluminium sind also „Spuren
der Zivilisation“. Dass das Brustgewebe von dieser Kontamination besonders
stark betroffen ist, zeigt ein Vergleich mit der Konzentration in Blut.[5] Dort beträgt die
Aluminium-Kontamination im Mittel nur vergleichsweise niedrige 6μg/l. Und sogar
in der Muttermilch liegt der Mittelwert mit 25μg/l deutlich niedriger.
Die
weitaus größte Belastung der Brust geht von den Deodorants aus, warnt Darbre.
Dies gilt nicht nur für die Entstehung von Krebs, sondern auch von gutartigen
Zysten. Dabei handelt es sich um verschlossene Hohlräume im Brustgewebe, die
mit Flüssigkeit gefüllt sind. „Wenn ein Deo eine Schweißdrüse verschließen
kann“, sagt Darbre, „warum soll es dann nicht auch die Kanäle für die
Gewebsflüssigkeit verstopfen können?“
Zysten
erzeugen enormen Stress, die betroffenen Frauen ertasten Knoten und fürchten
das Schlimmste. Wenn dann vom Arzt die Entwarnung kommt, ist die Erleichterung
meist groß. „Und das ist auch verständlich“, sagt Darbre. „Doch anstatt nun
weiterzumachen wie bisher, sollte die Neigung zu Zysten als Warnung gesehen
werden.“ Zum einen weil man weiß, dass die Neigung zu Zysten auch ein höheres
Krebsrisiko bedeutet. Und zum anderen, weil der Prozess auch wieder umkehrbar
ist. „Zahlreiche Frauen haben mir berichtet, dass die Zysten verschwunden sind,
nachdem sie mit den Alu-Deos Schluss gemacht haben.“
So
wie es großes Leid ersparen kann, mit dem Rauchen aufzuhören, gilt dasselbe
scheinbar auch für die Anwendung dieser aluminiumhaltigen Kosmetik-Produkte.
Natürlich ist der konkrete Wirkmechanismus noch nicht hundertprozentig und in
allen Einzelheiten erforscht. Dazu bräuchte es Forschung, die jemand
finanzieren müsste. Die Pharmakonzerne werden hier kein eigenes Geld
investieren, weil es nichts zu verdienen gibt. Das ist gar nicht böse gemeint.
Es liegt in der Natur des Systems, dass Pharmafirmen versuchen, Arzneimittel zu
erzeugen, mit denen man Krankheiten heilen oder Symptome lindern kann. Wenn die
Forschung aber darauf hinauslaufen würde, eine Substanz einfach zu vermeiden –
und beispielsweise keine Aluminiumhaltigen Deodorants mehr zu kaufen – so ist
damit nichts zu verkaufen und auch nichts zu verdienen.
Außer
natürlich für das öffentliche Gesundheitssystem. Hier wären die Einsparungen
enorm, wenn weniger Frauen mit Brustkrebs operiert und behandelt werden
müssten. Ganz zu schweigen vom unendlichen Leid – und auch den Kosten – die es
bedeutet, wenn Frauen weit vor der Zeit sterben, Kinder zu Waisen und Ehemänner
zu Witwern werden.
Darauf
zu warten, dass die Gesundheitsbehörden aufwachen und eigene Arbeiten in
Auftrag geben, ist müßig. Dazu müsste erst ein gehöriger Ruck durch diese
Instanzen gehen, der die Notwendigkeit einer völligen Umorientierung in ihrem
Selbstverständnis deutlich macht. Derzeit gleichen die Behörden – wie ich sie
kennengelernt habe – eher einer Selbstbeschäftigungsanstalt mit Neigung zum
Tagträumen. Weil das nicht geschieht, sind wir auf Beobachtungen und Indizien
angewiesen, welche die Studien Darbres und anderer Wissenschaftler aber in
Hülle und Fülle bieten. Man muss die Botschaft nur erfahren und daraus die
geeigneten Schlüsse ziehen.
Beim
Absetzen der Deos braucht man etwas Geduld, weil viele Hautzellen vom
Aluminiumchlorid derart geschädigt wurden, dass sie abgestorben sind und sich
unter beträchtlichem Gestank erneuern. Wer diese kurze Phase übersteht, kann
aufatmen und hat die Aluminiumzeit endgültig hinter sich. Philippa Darbre
selbst verwendet seit 15 Jahren keine Deodorants mehr. „Ich wasche mich zweimal
am Tag, das genügt vollständig.“
[3] Sappino AP et al. „Aluminium chloride promotes
anchorage-independent growth in human mammary epithelial cells“ J Appl Toxicol
2012; 32(3): S.233–243
[4] Mannello F et al. “Analysis of aluminium content and
iron homeostasis in nipple aspirate fluids from healthy women and breast
cancer-affected patients“ J Appl Toxicol 2011; 31(3): S.262–269
[5] Darbre PD et al. „Aluminium and human breast
diseases“ J Inorg Biochem 2011; 105(11): S.1484–1488
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